Ja, es stimmt, politische Probleme und die zwecks ihrer Lösung zu treffenden Entscheidungen sind komplex …  allerdings … gibt es auch andere Bereiche, in denen komplexe Entscheidungen zu treffen sind, weshalb politische Entscheidungen so außergewöhnlich wiederum nicht sind, siehe:

–  im Geschäftsleben (Strategien / Investitionen / Kooperationen /  Personalien u.ä.)
–  im Privatleben (Gesundheit / Berufswahl / Partnerschaften / Anschaffungen? )
–  in der Wissenschaft (Physik? / Biologie? / Psychologie / Nanotechnologie?)
–  …   „wo auch immer“.


In allen Fällen gilt zudem: … egal, wie komplex ein Problem ist, … dem Versuch, dieses Problem konkret zu lösen, geht immer eine Entscheidung voraus.
Eine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Handeln bzw. Unterlassen, eine Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Problem-Lösungsversuch, eine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Gesetz, also:

„Ja“ (= für einen konkreten Problemlösungsvorschlag)
„Nein“ (= gegen einen konkreten Problemlösungsvorschlag).
„Enthaltung“ (= ich weiß es nicht / ich kann oder will mich nicht entscheiden)

Daraus folgt:
Auch über die denkbar komplexesten Probleme wird letztlich nur mit: 'Ja/Nein/Enthaltung'  entschieden.
(daher gehört das „Klappern“ vermutlich auch zum: „politischen Handwerk“)
 

Ja, ... aber ...  die „Entscheider" müssen doch verstehen, worum es geht, wenn sie
(z. B. als Abgeordnete des Bundestages) mit:  'Ja/Nein/Enthaltung'  abstimmen / entscheiden sollen.


A. Vertrauen ersetzt Sachkenntnis

Nein, das müssen sie ganz offensichtlich nicht  ... denn wenn man genau hinsieht, kennen die meisten Abgeordneten des Bundestages die Inhalte von Gesetzentwürfen nur: „im Wesentlichen".
Und dies mehrheitlich nur deshalb, weil sie den Informationen ihrer Fraktionskolleg*innen aus den jeweiligen Ausschüssen vertrauen oder den Argumenten ihrer Fraktionsführung folgen.
Bestenfalls kennt nur eine deutliche Minderheit den genauen Inhalt.
Beispielsweise dann, wenn die Betreffenden in den jeweils zuständigen Bundestags-Ausschüssen sitzen oder sich gezielt informiert haben.
Wortwörtlich kann die Texte vermutlich niemand „aufsagen".
„Referentenentwürfe“ (= tendenziell also die Gesetzesvorlagen der Regierung) und/oder Gesetzesvorlagen von darauf spezialisierten Anwaltskanzleien, schlimmstenfalls sogar von Interessenverbänden selbst, belegen zudem, dass die Abgeordneten (also die, die als Vertreter des Volkes darüber entscheiden) ohnehin nicht immer die Verfasser von Gesetzestextentwürfen sind.
Nicht zuletzt ist auch der: „Wissenschaftliche Dienst des Bundestages“ ein weiterer Beleg dafür, dass
die Abgeordneten auf qualifizierte Zuarbeit von dritter Seite angewiesen sind.

Abgeordnete können nicht alles wissen, (das ist völlig normal und nicht zu beanstanden).
Andernfalls müssten nämlich alle Abgeordneten versierte Fachleute auf allen Gebieten sein bzw. sich über alles informieren und sich vollumfänglich in die Ergebnisse aller Ausschüsse einarbeiten. Insbesondere gerade auch in jene, in denen sie aus Zeitgründen nicht selbst vertreten sein konnten.
Nur so könnten sie (im Sinne des Einwands:   …   „Entscheider müssen verstehen, worum es geht“) nachvollziehen, um was es bei jedem einzelnen Gesetzentwurf geht, wie er zustande gekommen ist und warum über ihn so und nicht anders abgestimmt werden soll.

Das ist unmöglich !!!

Alle  Abgeordneten:

- kennen bei Abstimmungen nicht wortwörtlich die Inhalte von Gesetzesvorlagen.
- wissen nicht, warum einzelne Textpassagen darin: “so und nicht anders“ formuliert wurden.
- können nicht wissen, welche Auswirkungen dieses Gesetz in der Praxis haben wird.
- kennen zum Zeitpunkt der Abstimmung nur das Wesentliche einer Gesetzesvorlage sowie das, was
     aus ihrer Sicht für oder gegen diese Vorlage, also für oder gegen: 'Ja/Nein/Enthaltung'  spricht.
- wissen also eben nicht immer: „so ganz genau“, über was sie abstimmen.

Daher überwiegt also bei jeder einzelnen Abstimmung die Anzahl derjenigen Abgeordneten, die in einer „gewissen Unkenntnis“  über die Gesetzentwürfe abstimmen.
Es ist wichtig, sich diesen völlig normalen, nicht zu kritisierenden (!!!) Umstand, in Erinnerung zu rufen, denn daraus folgt:

Bei Abstimmungen im Bundestag geht es nicht um Sachkenntnis !!!

1.
Wenn es bei Abstimmungen um Sachkenntnis ginge, dürfte es keine Meinungsverschiedenheiten unter den Sachkundigen geben.
Unterschiedliche Auffassungen von Experten belegen ja gerade, dass sachliche Einflüsse eben nicht ausreichen, um eine gemeinsame Überzeugung zwecks Problemlösung zu begründen. 
Außerdem gilt: Selbst wenn alle Sachkundigen innerhalb und außerhalb eines Parlaments einheitlich von der Richtigkeit eines bestimmten Problemlösungsvorschlags, z. B. eines Gesetzes,  überzeugt wären, könnte es sich dennoch als falsch erweisen.

2.
Wenn es bei Abstimmungen im Bundestag um Sachkenntnis ginge, müssten alle Abgeordneten auch auf gleichem Sachkenntnisstand sein, was unmöglich ist.
Demzufolge wird im Bundestag abgestimmt, obwohl bei den Abgeordneten: 'Sachkenntnis-Defizite''
(im Sinne von: „keine gleichen Sachkenntnisse“) vorhanden sind.

3.
Wenn es bei Abstimmungen im Bundestag um Sachkenntnis ginge (was das Bemühen um dessen Verbreitung einschließt), lägen die Anwesenheitsquoten der Abgeordneten im Parlament deutlich höher.


Bei Abstimmungen im Bundestag geht es stattdessen um:

- Vertrauen (in die Sachkenntnis der „eigenen“ Experten und Fraktionskolleg*innen).
- Persönliche Überzeugungen
- Parteipolitischen Willen
- Fraktionsdisziplin
- Koalitionsabsprachen

Aber wenn es denn nun bei den Abstimmungen im Bundestag weniger um Sachkenntnis und mehr um Vertrauen (und persönliche Überzeugungen) geht, kann jeder Mensch, der vertraut (oder eine persönliche Überzeugung hat), eine:  'Ja/Nein/Enthaltung' - Entscheidung treffen.
Diese wird dann tendenziell genauso falsch oder richtig sein, wie es jene Entscheidungen sind, die von Abgeordneten auf Basis von deren Vertrauen oder persönlichen Überzeugungen getroffen wurden.

Vor diesem Hintergrund werden alle Bürger*innen eines Staatswesens 'entscheidungsfähig'.

Im Falle von Abstimmungen' durch Bürger*innen würden diese Entscheidungen sogar eine bessere/sachlichere Qualität haben, weil entsprechend akzeptiert werden und weil sie keinen parteiinternen Einflüssen ausgesetzt sind, denn:  ... 


B.  Partei-Interessen behindern/verhindern sachliche Problemlösungen

Neben dem vorgenannten, „rein logischen“ Aspekt: 'Vertrauen ersetzt Sachkenntnis'  gibt es auch sachfremde Einflüsse, vom eigentlich zu lösenden Problem unabhängige „parteienspezifische Einflüsse“ auf das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten, wie beispielsweise:

- die „tagespolitische Sichtweise“ von Regierung (oder Opposition),
- die Einflussnahmen der jeweiligen Fraktionsführung,
- die persönlichen Interessen der Abgeordneten und deren Abhängigkeiten von den Parteien,
- die „Profile“ und Ziele der Parteien,
- die Ambitionen/Selbstdarstellungsabsichten der Abgeordneten,
- die ideologischen Differenzen innerhalb der Parteien,
- die persönlichen Empfindlichkeiten unter streitenden Parteifreunden,
- die „Machtspielchen“ der Parteien untereinander,
- die „strategische & ideologische Ausrichtung“ der Parteien,
- die Finanzlage/Finanzierung der Parteien,
- die „interne“ Personalsituation der Parteien (wer könnte/sollte welches Mandat übernehmen ?),
- die „externe“ Personalsituation (wer könnte/sollte die Partei in welchen Gremien vertreten ?),
- die Außendarstellung/Öffentlichkeitsarbeit/Imagesituation der Parteien,
- die parlamentarischen und außerparlamentarischen Kritiker,
- die „Wahlversprechen“ gegenüber den Bürger*innen (deren Folgen jene selbst verantworten müssen),
- die mehr oder weniger erfolgreichen „Gespräche und Beratungen“ mit Lobbyisten,
- der „Kampf“ um Stimmenanteile bei Wahlen (was sich eine Legislaturperiode lang auswirken soll),
- die „Fraktionsdisziplin“ (die im Widerspruch zur Gewissensfreiheit der Abgeordneten stehen kann),
- die „Koalitionsabsprachen“ (die ebenfalls eine gewisse „Flexibilität dieses Gewissens“ belegen).


Allein die Existenz von „parteienspezifischen Einflüssen“ ist ein Hinweis darauf, dass sie sich bei Entscheidungen über politische Problemlösungen mehr oder weniger bewusst auswirken, damit
die neutrale Sachbezogenheit beeinflussen und sachliche Entscheidungen tendenziell zumindest behindern, wenn nicht sogar verhindern können.

„Parteienspezifische Einflüsse“ sind allesamt Merkmale der Interessenlagen von ideologisch ausgerichteten Parteien und deren Abgeordneten.
Die Interessenlagen von Parteien und/oder von parteiischen Abgeordneten können also teilweise erheblich von den Interessenlagen der unparteiischen Bürger*innen (= Steuerzahler*innen = „real Verantwortliche“ = „Kostenverantwortliche") abweichen.

Folglich ist es eindeutig im Interesse der Bürger*innen, wenn die parteienspezifischen Einflüsse bei der Suche nach den „möglichst richtigen“ politischen Problemlösungen minimiert werden.




Ja, ... aber ...  das hat sich nun mal so entwickelt und geht nicht anders.

Das stimmt nicht,   …  denn die demokratische Ist-Situation in Deutschland (wie auch anderswo) zeigt nur eine von verschiedenen Möglichkeiten  „gelebter Demokratie“ auf. 

Von „A“, wie Amerika bis „Z“, wie Zimbabwe   …   jeder sich demokratische nennende Staat hat seine „demokratischen Eigenheiten“, egal ob sie in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft liegen oder ob sie permanent neu gestaltet werden (aktuell wurde/wird beispielsweise die „türkische Demokratie“ neu definiert).

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